Wie ist der Split? Wie viel behält das Escort, und wie bist du auf diese Zahl
gekommen?
Die Escorts zahlen mir 30% Provision pro Buchung (25% bei Wiederholungsbuchungen von gleichen Kund:innen). Das ist fair im Vergleich zu anderen Agenturen, die bis zu 40 oder 45% nehmen, und trotzdem wirtschaftlich sinnvoll für mich. Ich habe die Agentur so aufgebaut, dass sie insgesamt sehr lean und agil ist. Dadurch entsteht kein
wirtschaftlicher Druck durch zum Beispiel enorme Fixkosten, aber eine Charity ist es natürlich auch nicht.
Konsens ist leicht gesagt und schwer garantiert. Was passiert im Raum, wenn jemand mittendrin zurückzieht?
Konsens hat sehr viel, eigentlich fast alles, mit Eigenverantwortung zu tun. Und die liegt letztlich immer bei den Menschen, die die Begegnung haben. Worauf ich im Vorhinein aber achten kann ist, eine Buchung so abzustimmen, dass alle Beteiligten eine informierte Entscheidung treffen können und eine klare Vorstellung davon haben,
wozu sie eigentlich ja sagen. Außerdem arbeite ich mit Menschen, die verstehen, was Konsens bedeutet, die sich im Klaren über ihre eigenen Bedürfnisse und Grenzen sind, und die die kommunikativen und zwischenmenschlichen Fähigkeiten haben, einen Raum zu schaffen, in dem es sicher ist, Wünsche, Unsicherheiten und Grenzen zu kommunizieren. Sie haben auch die Fähigkeit, auf ihr Gegenüber einzugehen, wenn Konsens zurückgezogen wird, und
die Situation und die Dynamik entsprechend anzupassen, je nachdem, wie die Bedürfnisse dann in dem Moment aussehen.
Der Schlüssel ist immer ehrliche Kommunikation. Auch eine Ansage wie "Das fühlt sich gerade nicht gut an" oder “Das ist zu viel/zu wenig” ist vollständig und völlig ausreichend und braucht keine Erklärung oder Rechtfertigung, um respektiert zu werden. Das sage ich noch mal so konkret, weil gerade wir Frauen schnell glauben, wir dürften ein Bedürfnis oder ein Gefühl erst äußern, wenn wir dann auch sofort eine objektiv valide Erklärung und einen konkreten Lösungsansatz plus Handlungsanweisungen für unser Gegenüber in petto hätten, um die Situation sofort wieder zu bereinigen und dem Anderen nicht zu sehr zur Last zu fallen.
Ist schon mal eine Buchung schiefgelaufen? Was hast du getan, und was hat sich
dadurch verändert?
Zwei Situationen fallen mir ein. Die erste war eine der allerersten Buchungen. Während der Geldübergabe gab es Verwirrung über die Höhe des Honorars auf Seiten der Kund:innen (es war ein Paar). Als das Escort sich dann an mich wandte, musste ich das mit den beiden live am Telefon klären. Dass die Stimmung danach nicht komplett im Eimer war und das Treffen noch erfolgreich verlief, lag vor allem am Können und der Professionalität des Escorts. Seitdem bestätige ich das Honorar immer zweimal im Vorfeld, wenn Kund:innen in bar zahlen möchten, und habe außerdem digitale
Zahlung im Voraus als Option eingeführt. Damit ist der Moment der Honorarübergabe beim Treffen dann eliminiert.
Die zweite Situation, auch eine der ersten Buchungen: Ein Kunde, der sich selbst als "soft dom" beschrieben hatte, stellte sich als nicht so "soft" heraus, wie er dachte, und schlug das Escort unvorbereitet doch ziemlich "hart". Sie hat das direkt angesprochen, und er passte die Intensität sofort nachhaltig an. Sie hat sich dann entschieden, das
Date fortzusetzen, und hatte danach auch eine gute Zeit mit ihm. Danach haben wir gemeinsam evaluiert und entschieden, dass ich ihm auch nochmal Feedback gebe, dass er mit der Bezeichnung "soft" vorsichtig sein muss, wenn er sich darunter diese Intensität vorstellt, und dass er das für zukünftige Interaktionen und auch Buchungen
bei anderen Agenturen oder Sexarbeiter:innen klarer benennen muss.
Diese Situation hat mir noch bewusster gemacht, wie subjektiv Begriffe wie "soft" oder "hard", je nach Erfahrungslevel und persönlichem Bezugsrahmen, sein können.
Seitdem frage ich noch bewusster nach dem Erfahrungslevel der Kund:innen, um herauszufinden, ob sie eine realistische, oder vielleicht auch gar keine, Vorstellung von der Intensität haben, die sie sich wünschen. So kann ich dem Escort dann einen Hinweis geben, das in einem Telefonat vorab oder in einem Vorgespräch beim Treffen noch mal explizit anzusprechen.
Kink birgt echtes Risiko. Wo ist die Grenze zwischen einer Grenze, die du ermöglichst,
und einer, die du nicht ermöglichst — und wer zieht sie?
Es gibt natürlich Dinge, die allgemein oder im Kontext von Sexarbeit aus guten Gründen illegal sind. Dazu zählt zum einen natürlich penetrativer Sex ohne Kondom oder auch exhibitionistische oder Public-Play-Fantasien (im Taxi, im Restaurant), bei denen unbeteiligte Menschen unfreiwillig sexuelle Handlungen mitbekommen könnten. Bei solchen Fantasien empfehle ich dann immer sex-positive Events oder Clubs wie den KitKatClub oder das Insomnia.
Auch Buchungen, die nicht mit ausreichender Vorlaufzeit angefragt werden, lehne ich ab oder bitte darum, noch mal mit mehr Vorlauf anzufragen (das Minimum liegt ohnehin bei 48 Stunden). Denn Risiko kann eben auch aus Zeitdruck, Stress und unzureichender Abstimmung und Vorbereitung entstehen, erst recht, wenn es um BDSM- oder Fetisch-Services geht. Dann gibt es Fetische, die sich auf Körperflüssigkeiten beziehen, von denen ein sehr hohes Infektionsrisiko ausgeht (z. B. Fäkalien oder Erbrochenes). Das wurde aber bisher ohnehin von allen Escorts unabhängig voneinander als Grenze angegeben. Ansonsten überlasse ich es den Escorts, die basierend auf ihren Fähigkeiten und
Präferenzen ihre eigenen Grenzen definieren. Diese sind auch klar in ihren jeweiligen Profilen aufgeführt, und die können sie auch jederzeit anpassen. Manche Escorts haben auch noch mal eigene Verträge, die sie mit Kund:innen abschließen, in denen sie über mögliche Risiken und Sicherheitsmaßnahmen aufklären.
Zum Thema sexuell übertragbare Krankheiten: Die Escorts testen eigenverantwortlich, und auch Kund:innen werden dazu angehalten (zum Beispiel in unseren FAQ). Es ist auch kein Problem, vor einem Date aktuelle Tests zu machen, auf beiden Seiten.
Was ist deine Absicherung dagegen, dass jemand "Kink" als Deckmantel nutzt, um
eigentlich eine Frau verletzen zu wollen?
Jemanden "zu verletzen" ist im Kink- und BDSM-Kontext erst mal ein völlig valider Wunsch, solange Konsens da ist. Ich vermute, diese Frage zielt eigentlich auf Missbrauch ab: Wie verhindere ich, dass jemand "Kink" als Deckmantel nutzt, um jemanden gegen deren Willen zu verletzen?
Es gibt zwei Arten von Menschen, vor denen ich mich absichere. Die einen wissen genau, dass sie Täter sind, und für die ist das Prinzip Agentur als solches schon abschreckend: Die suchen ja isolierte, ungeschützte, leicht zugängliche Opfer, und das trifft auf niemanden zu, der bei Moonlight bucht oder mit mir arbeitet. Ich befürchte, dieser Typus versucht es eher bei niedrigschwelligeren Angeboten oder auf Dating-Apps, wo sie anonym bleiben können und niemandem Rechenschaft schulden und sich in ihrem Profil ungestört als professioneller Dom oder sonst was ausgeben
können. Auch deshalb ist Escort für Frauen in meinen Augen so wichtig: Wir haben noch viel zu wenig Räume, in denen wir unsere Sexualität sicher und damit frei ausleben und uns darauf verlassen können, dass unser Gegenüber wirklich weiß, was es tut.
Die andere Art ist der unbewusste Typ: Menschen, die nicht merken, dass sie daneben liegen. Die schreckt die Agentur natürlich erst mal nicht ab, weil sie ja keinen bewussten Vorsatz haben. Deshalb begegnen die mir tatsächlich öfter, sind aber auchimmer gut erkennbar an genau den plumpen oder unbeholfenen Formulierungen, die
ich oben schon mal beschrieben habe. Hier schaue ich dann immer genau hin, um zu unterscheiden: Hat jemand wirklich Ansichten oder Motive, die nicht mit unseren Werten vereinbar sind? Oder ist die unbeholfene Anfrage ein Ergebnis mangelnder Erfahrung oder eines fehlendenWortschatzes, weil jemand ungeübt ist, über solche Themen zu sprechen?
Diejenigen, die auf Feedback, Grenzen und Rückfragen offen und respektvoll reagieren, können ganz tolle, dankbare Kund:innen werden. Diejenigen, die genervt, respektlos, manipulativ oder gar nicht mehr reagieren oder ein Nein so lange nicht akzeptieren, bis ich sie blocke, bekommen logischerweise auch keine Buchung.
Wie weißt du, dass sich jemand frei dafür entscheidet und nicht aus Verzweiflung?
Kannst du das immer erkennen?
Ich habe, denke ich, nicht das Recht, zu beurteilen, ob jemand verzweifelt ist oder nicht. Man kann verzweifelt sein und trotzdem volle Handlungs- und Entscheidungsfähigkeit haben. Was ich aber immer von Anfang an transparent
kommuniziere: Moonlight ist eine noch junge, boutique Agentur, die ganz bewusst auf Qualität statt Quantität und auf langsames, organisches, stressfreies Wachstum ausgerichtet ist. Das macht sie strukturell zur falschen Wahl für alle, die schnell Geld brauchen, Buchungen am Fließband wollen oder unter Zeitdruck oder Zwang stehen.
Der erste Interview findet ihr hier
1. interview Moonlight Society
Das 3. und letzte Interview folgt im nächsten Monat.