Wer heute auf Social Media unterwegs ist, kommt kaum noch an Produkten für die vaginale Gesundheit vorbei. Gummies, Probiotika, Intimsprays, Vaginaltests für zuhause, Seren und Nahrungsergänzungsmittel versprechen ein gesundes Mikrobiom, weniger Infektionen, mehr Lust oder ein besseres Intimgefühl.
Dass dieses Marktsegment derzeit boomt, überrascht mich nicht. Seit vielen Jahren forsche ich zum vaginalen Mikrobiom und erlebe täglich, wie groß die Wissenslücken rund um die Gesundheit von Frauen noch immer sind. Wenn Frauen mit Beschwerden keine Antworten bekommen, suchen sie selbst nach Lösungen. Genau in diese Lücke stößt nun eine milliardenschwere Wellness-Industrie.
Bereits vor einigen Jahren habe ich die von Kourtney Kardashian beworbenen „Lemme Play Gummies“ kommentiert. Damals wie heute war meine Einschätzung dieselbe: Die Vermarktung suggeriert wissenschaftliche Sicherheit, die häufig nicht vorhanden ist. Das bedeutet nicht, dass jedes Produkt wirkungslos ist. Aber viele Versprechen gehen deutlich weiter als die vorhandene Evidenz.
Das eigentliche Problem liegt tiefer. Frauen leiden häufig jahrelang unter wiederkehrenden Infektionen, Schmerzen beim Geschlechtsverkehr, Trockenheit oder Beschwerden im Zusammenhang mit den Wechseljahren. Gleichzeitig ist die Forschung zu vielen dieser Erkrankungen noch immer unzureichend. Das vaginale Mikrobiom wurde erst in den letzten Jahren intensiver untersucht. Für zahlreiche Beschwerden fehlen nach wie vor gute Diagnostik, wirksame Therapien und spezialisierte Anlaufstellen.
In dieser Situation ist es verständlich, dass Frauen nach Antworten suchen. Es ist jedoch problematisch, wenn die Verantwortung vollständig auf die Betroffenen verlagert wird. Gesundheit darf nicht davon abhängen, wer die überzeugendste Werbung auf Instagram schaltet.
Ich wünsche mir eine Zukunft, in der Frauen nicht zwischen Ignoranz im Gesundheitssystem und fragwürdigen Wellnessversprechen wählen müssen. Wir brauchen mehr Forschung, bessere Diagnostik und eine offene Diskussion über Beschwerden, die lange tabuisiert wurden. Vor allem aber brauchen Frauen Zugang zu evidenzbasierten Informationen, damit sie selbstbestimmte Entscheidungen treffen können.
Der aktuelle Boom zeigt vor allem eines: Der Bedarf ist da. Nun müssen Wissenschaft, Gesundheitswesen und Industrie gemeinsam dafür sorgen, dass daraus echte Innovation entsteht – und nicht nur geschicktes Marketing.