Als ich vor zwei Jahren, gerade 50 geworden, wieder in das Dating Game einstieg, betrat ich eine komplett neue Welt. Mein Ziel war es nicht einen neuen Partner zu finden, noch nicht. Ehrlichgesagt, ist das heute auch noch so. Ich wollte einfach herausfinden, wie ich in Zukunft leben will. Wie ich Beziehung leben will. Ob ich überhaupt noch eine Beziehung im klassischen Sinne haben will. Und vor allem war ich neugierig auf die Männer, den Austausch mit ihnen und wie es ist wieder Sex zu haben.
Richtig guten Sex.
Drei Jahre zuvor hatte ich mich von meinem Mann getrennt und einer 20jährigen Ehe den Rücken gekehrt. Ich denke, dass ist der richtige Ausdruck dafür. Denn nach einem Jahr der Trennung, als die größten Herausforderungen überstanden waren und endlich etwas Ruhe einkehrte, begann meine Trauerphase. Dass ich jedoch nicht um eine gescheiterte Beziehung trauerte, sondern darüber, dass ich den Menschen den ich verließ keinen einzigen Tag vermisste seit dem, auch nicht oder gerade nicht die Art der Beziehung, die wir miteinander lebten, das war eine regelrecht erschütternde Erkenntnis. Darüber trauerte ich, sagt es doch einiges über meine Gefühlswelt, über meinen Zustand im zurückgelassenen Leben aus.
Es war also klar, das will ich nicht mehr! Wie will ich dann also in Zukunft haben? Mit diesem Grundgedanken und jeder Menge Neugier meldete ich mich auf Bumble an.
Ein Profil, das sagt: „Ich will Spaß“, zieht natürlich hauptsächlich die Männer an, die das auch wollen. Womit ich nicht gerechnet hatte, dass es auch viele junge Männer anzog. Vielleicht nicht jeder Frau Sache, doch ich fand und finde das Klasse, empfinde ich es als sehr schmeichelhaft.
Die ganze Dating-App-Geschichte hat mich anfangs allerdings auch ziemlich überfordert. Alleine die Frage: „Auf was stehst Du?“ brachte mich aus der Fassung, weil ich keine Antwort darauf hatte. Und ich wollte ja mein hottes Gegenüber bei beginnenden Chatverlauf nicht lange warten lassen. Stress pur. Das Einzige was mir einfiel war: „Ich mag´es, wenn der Mann die Führung übernimmt“. Immerhin eine Antwort, auch wenn sich mein Gegenüber sicherlich detaillierte Beschreibungen wilder Sexpraktiken erhoffte. Glücklicherweise hat er den Chat nicht gleich aufgelöst, was eine durchaus gängige Praxis ist. Die darauf folgende Nachricht von ihm: „Ich stehe drauf wenn Frauen squirten.“ Well ja, davon hatte ich gehört, dennoch vorsichtshalber nochmal nachgegoogelt. Leider bestätigte sich meine Annahme, denn damit konnte ich zu diesem Zeitpunkt nicht dienen. Ich schrieb zurück vielleicht sei er ja der Erste, der mich dazu bringt. Er meinte es gäbe eine Alternative. Die wollte ich gar nicht hören. Als er mir trotzdem schrieb, ich könne ihn auch anpinkeln, schrieb ich einfach: „Okey“.
Damit betrat ich die Weiten der erotischen Spielwiese, die voller prachtvoller Blüten strahlt, von denen wir die pflücken können, die uns ansprechen. Ich wandere immer noch neugierig auf ihr umher und möchte keine der Erfahrungen missen. Auch die weniger schönen nicht, denn auch an jenen bin ich gewachsen. Vermutlich gerade an diesen. In mir schlummerte so viele Jahre eine Lust, ein Begehren, eine Neugier, die ich nicht für möglich gehalten hätte. All ‘das zu entfesseln, immer wieder mit Hilfe der Neugier die falsche Moral und die Scham über Bord zu werfen, mich einfach hineinfallen zu lassen in die Leidenschaften und Verrücktheiten des Sex, der Erotik, der Liebe, alles das hat mich unglaublich selbstbewusst und viel freier gemacht.
Und ich fühle es deutlich: Da geht noch mehr.
Derzeitiger Stand meiner Reise ist, dass ich seit einem Jahr als High Class Escort tätig bin. Mit 52 Jahren. Ich habe da etwas entdeckt, dass mich wirklich erfüllt und das ich noch ausbauen und vertiefen möchte. Mal sehen wohin mich dieser Pfad auf der erotischen Wiese noch hin bringt …. Mit dieser rasanten Entwicklung hatte ich zu beginn meiner Reise absolut nicht gerechnet.
Manchmal wissen wir gar nicht was sich im tiefsten Innern unserer Selbst verbirgt. Wir sehen und spüren es nicht, weil wir es nicht einmal ansatzweise nach oben fließen lassen, es oftmals unbewusst unterdrücken. Und manchmal lohnt es sich einfach die Komplexen Umstände, ob innerlich oder äußerlich, die persönlichen Erfahrungen und gesellschaftlichen Normen, beiseite zu lassen. Den Mut zu haben „Ja“ zu sagen, wenn es sich nach einem „Ja“ anfühlt. Es einfach mal stehen zu lassen dieses „Ja“, wenn es aus einem Impuls heraus aus uns heraus geplatzt ist. Es einmal nicht zu zerdenken. Einmal nicht das Risiko abzuwägen.
Nicht nur einmal habe ich erfahren, dass der Mut zum Risiko mehr Sicherheit bringt, als die vermeintliche Sicherheit selbst. Letztendlich existiert Sicherheit nicht, sie ist eine Illusion, die uns oftmals ausbremst. Hier und da mal was Verrücktes wagen bringt Lebendigkeit ins Leben und ist eine schöne Übung die eigene Selbstwirksamkeit zu spüren. Und das ist auch eine Form von Freiheit. Und in der Freiheit liegt viel Lust, oder nicht?!