Vor ein paar Jahren ging es in der Longevity-Szene noch um Bluttransfusionen, Eisbäder und Nahrungsergänzungsmittel in Pillendosen, die eher an eine Apotheke als an ein Frühstück erinnerten. Heute gibt es einen neuen Statussymbol-Wettbewerb: die Top-1-%-Vagina.
Ja, Sie haben richtig gelesen.
Ausgelöst wurde der Hype von Biohacker Bryan Johnson, der keine Gelegenheit auslässt, seinen Körper öffentlich zu vermessen. Neuerdings präsentiert er nicht nur seine eigenen Biomarker, sondern auch den Vaginalmikrobiom-Test seiner Partnerin. Ergebnis: 100 von 100 Punkten. Top 1 % aller Vaginen.
Ich musste schmunzeln. Nicht, weil das Vaginalmikrobiom unwichtig wäre – ganz im Gegenteil. Ich beschäftige mich seit vielen Jahren wissenschaftlich damit und freue mich ehrlich, dass dieses lange vernachlässigte Forschungsgebiet endlich Aufmerksamkeit bekommt. Sondern weil aus einer spannenden wissenschaftlichen Erkenntnis innerhalb kürzester Zeit ein neuer Optimierungswettbewerb geworden ist.
Plötzlich scheint es nicht mehr zu reichen, gesund zu sein. Jetzt braucht man offenbar auch noch eine Elite-Vagina.
Die Longevity-Szene funktioniert häufig nach dem gleichen Muster: Was sich messen lässt, wird optimiert. Und was sich optimieren lässt, wird vermarktet. Nachdem Schlaf, Blutzucker, Herzfrequenzvariabilität und Darmmikrobiom bereits abgearbeitet wurden, ist nun die Vagina an der Reihe.
Dabei steckt tatsächlich viel Wissenschaft dahinter.
Wir wissen heute, dass ein gesundes Vaginalmikrobiom Frauen vor Infektionen schützt und für Fruchtbarkeit, Schwangerschaft und das Wohlbefinden in den Wechseljahren eine wichtige Rolle spielt. Wir wissen aber auch, dass die Forschung noch viele offene Fragen hat. Nicht jede Frau mit einer veränderten bakteriellen Zusammensetzung hat Beschwerden. Und längst nicht alles, was sich messen lässt, muss auch behandelt werden.
Genau hier beginnt für mich der Unterschied zwischen Wissenschaft und Marketing.
Ein Testergebnis allein macht noch keine Diagnose. Und ein Score von 100 sagt wenig darüber aus, wie gesund eine Frau tatsächlich ist.
Das eigentliche Ziel sollte auch nicht sein, eine möglichst hohe Punktzahl zu erreichen. Viel spannender ist die Frage: Wie können wir das Vaginalmikrobiom gezielt wieder ins Gleichgewicht bringen, wenn es aus der Balance geraten ist?
Hier sehe ich enormes Potenzial – nicht für einen neuen Schönheitswettbewerb der Mikroben, sondern für echte Innovationen in der Frauengesundheit. Nach Jahrzehnten, in denen Frauen in der medizinischen Forschung eher Randfiguren waren, beginnt man endlich zu verstehen, welche Rolle die Milliarden von Mikroorganismen spielen, die uns ein Leben lang begleiten.
Und nein, ein gesundes Vaginalmikrobiom wird uns vermutlich nicht 120 Jahre alt werden lassen.
Aber vielleicht sorgt es dafür, dass wir uns auf dem Weg dorthin deutlich wohler fühlen.
Denn manchmal ist Lebensqualität eben wichtiger als der nächste Biohacker-Rekord.