2025 traf ich Marie, die einen Escort Service- Moonlight- gegründet hat. Ich hatte natürlich SEHR viele Fragen, aber nicht nur ich , sondern vieler meiner Freunde, die auch sehr neugierig waren. Ich habe alle diese Fragen zusammengefasst … danke Marie fürs beantworten!
Wie kamst du dazu eine Escort Agentur aufzumachen?
Was hat dich zu der Person gemacht, die das aufbaut — nicht nur "ich habe eine
Lücke gesehen?”
Die Erfahrungen, die ich gemacht habe, als ich während meines Journalismus- Studiums selbst als Escort gearbeitet habe. Und dann, zehn (!) Jahre später, durch erneuten Kontakt zur Branche über Freund:innen und die Berliner Kinky-Szene, die Erkenntnis, dass sich die Escortagenturlandschaft in all der Zeit strukturell kaum weiterentwickelt hatte. Ich hörte immer noch von den gleichen Themen, an denen ich mich selbst schon damals gestört hatte: unprofessionelle Kommunikation, emotionale Manipulation, schlechte Organisation, überhöhte Agenturkommissionen, Kink- und Body-Shaming…
Ich war der Überzeugung, dass es allerhöchste Zeit war für eine progressive Escort-Agentur. Eine, die den inklusiven, diversen, urteilsfreien Spirit der sex-positiven Szene Berlins widerspiegelt, mit all ihrer Vielfalt, Kreativität und Energie. Und ich hatte in dem Moment zufällig alle Zutaten, die es brauchte: einen eigenen Erfahrungsschatz als Escort, Skills in Business Management, Design und Marketing, und Zugang zur sex- positiven Community in Berlin. Ich fand, jemand sollte das machen. Also, warum nicht ich?
Du bist von "neugierig und vanilla" dahin gekommen, eine Kink-Escort-Agentur zu führen. Was musstest du persönlich verlernen, um hierher zu kommen?
Ich bin ständig dabei, einprogrammierte Annahmen von dem "was geht" und "was nicht geht" aktiv und bewusst zu verlernen, im Bett, in Beziehungen, im Business. Genau das ist für mich auch der Spirit von Kink: eigene Definitionen zu entwickeln, statt unhinterfragt die Blaupause zu übernehmen, die mir von der Gesellschaft vorgelegt wird:
Was ist MEINE Definition eines erfolgreichen Business in einer Gesellschaft, in der schneller Profit und Hustle Culture glorifiziert werden? Was ist MEINE Definition einer erfüllten Sexualität in einer Gesellschaft, die weibliche Lust immer noch strukturell zensieren und kontrollieren will? Was ist MEINE Definition von glücklichen Beziehungen in einer Gesellschaft, die auf patriarchalen Strukturen aufgebaut ist?
Es geht mir darum, mich aktiv freizumachen von dieser (irgendwie auch sehr deutschen) "das macht man so" und "das gehört sich so"-Mentalität, und mich immer wieder zu fragen: Gehört sich das wirklich so? Kann ich es vielleicht auch anders machen? Ich liebe es, immer wieder diese Fragen zu stellen und da auf immer wieder neue Antworten zu finden.
Wer in deinem Leben weiß nicht, was du machst, und warum?
Alle wissen, was ich mache.
Führ uns konkret durch, was "ethisch" in deinem Booking-Prozess bedeutet — wo schneidet eine gewöhnliche Agentur Ecken ab, die du nicht schneidest?
Ich habe bei den Agenturen, mit denen ich früher zusammengearbeitet habe, vieles erlebt, was ich als unethisch definieren würde. Das fing schon bei der Grunddynamik an: Viele Agenturen behandelten die Escorts wie Angestellte und stellten sich damit in eine Machtposition, die ihnen moralisch (und gesetzlich) gar nicht zustand. Aus diesem verschobenen Selbstverständnis heraus entstand dann, glaube ich, auch das Fehlverhalten, das ich selbst erlebt habe.
Ein paar Beispiele:
Es fand im Buchungsprozess wenig bis kein Abgleich statt zwischen den Wünschen der Kundschaft und meinen Fähigkeiten und Grenzen. Dadurch war ich oft total schlecht vorbereitet und habe mehrmals sogar Dates abgebrochen, weil ich in Situationen hineinlief, auf die ich nicht ausreichend vorbereitet war. Ichwurde indirekt dazu gedrängt, mehr Buchungen anzunehmen, indem mir ein schlechtes Gewissen gemacht wurde, wenn ich Dates abgelehnt habe. Oder es wurde erwartet, dass ich eine bestimmte Anzahl an Buchungen mache, um zum Beispiel mein Fotoshooting “abzuzahlen".
Einmal wurde ich zu einer Buchung geschickt, bei der gar nicht ich angefragt worden war, sondern ein komplett anderes Escort. Dieses Escort war nicht verfügbar, also wurde stattdessen einfach ich hingeschickt, ohne dass ich oder der Gast darüber informiert wurden oder gar zugestimmt hatten.
Bei Moonlight wird zu keinem Zeitpunkt jemand zu irgendetwas gedrängt, manipuliert oder bewusst in die Irre geführt. Es werden keine falschen Versprechungen gemacht, um eine Buchung durchzuschieben, und keine Escorts durch fragwürdige vertragliche Regelungen künstlich an die Agentur gebunden. Ich setze weder Kund:innen noch Escorts emotional unter Druck, indem ich selbst Stress verbreite oder suggeriere, dass eine Buchung jetzt unbedingt klappen muss, oder "übersehe" oder verschweige irgendwelche Red Flags oder wichtigen Informationen, um ein Date künstlich
durchzuschieben. Vor allem aber werden Wünsche und Grenzen im Vorhinein sorgfältig abgestimmt. Bei Moonlight will ich, dass alle Beteiligten ihre Bedürfnisse klar benennen können, weil genau diese Klarheit erst möglich macht, dass Konsens und ein gutes Matching überhaupt funktionieren.
Wie screenst du Kund:innen? Was führt tatsächlich zu einer Ablehnung?
Jede Anfrage geht zuerst durch mich, nicht direkt an ein Escort. Dabei geht es darum, ein echtes Bild davon zu bekommen, wer da anfragt: was die Person sucht, wie viel Erfahrung sie mitbringt, ob die Erwartungen realistisch sind, und wie sie kommuniziert. Gerade den Kommunikationsstil beobachte ich sehr aufmerksam, weil Menschen hier
schon sehr, sehr viel über sich verraten. Klassische Formulierungen, die für mich No-Gos sind, wären zum Beispiel, wenn jemand von den Escorts als "Girls" redet (als wären es keine volljährigen, erwachsenen Frauen). Oder so etwas wie "I expect her to do everything I want." (direkt SOS). Oder "I would even be ok with an older woman." (als wäre das jetzt ein großzügiges Zugeständnis). Daran sieht man, wie aufschlussreich nur ein Satz, manchmal sogar nur ein Wort, sein kann, wenn man die Werte und die Grundeinstellung einer Person ermessen will.
Meine goldene Regel ist immer: Verhalten, das jemand schon während des Buchungsprozesses zeigt, wird sich beim Date fortsetzen. Das hat mir eines der sehr erfahrenen Escorts, die ich vertrete, am Anfang mal mitgegeben. Wenn jemand schon vorab versucht, Grenzen zu verschieben oder zu umgehen, in seiner Wortwahl eine fragwürdige Anspruchshaltung verrät, Honorare verhandeln will, Treffpunkte ausmachen möchte, die gegen die Policy des Escorts gehen (in der Tiefgarage!?), auf Rückfragen genervt reagiert, versucht, die eigene Agenda durchzuschieben, ohne auf
meine Hinweise zu achten, oder gar beleidigende oder herablassende Kommentare über die Escorts macht, dann ist davon auszugehen, dass diese Person dann auch während des Treffens grenzüberschreitendes, respektloses, unkooperatives oder gefährliches Verhalten an den Tag legen wird. Ich achte außerdem darauf, ob ich den Eindruck habe, dass die Person aus einer Position von Empowerment, Neugier und aufrichtigem Interesse anfragt. Ich habe
auch schon Buchungen abgelehnt, wenn ich das Gefühl hatte, dass das nicht der Fall war.
Wer hat die Macht bei einer Buchung — die Kundschaft, das Escort, oder du — und
gerät das je in Konflikt?
Was für eine fantastische Frage!
Meine Perspektive dazu: Die Escorts sind grundsätzlich in der stärksten Position, denn wenn sie keine Lust hätten, mit mir zusammenzuarbeiten, wäre ich out of business, und die Frage nach einer Buchung würde sich gar nicht erst stellen.
Am Anfang des Buchungsprozesses habe ich dann die meiste Macht, weil ich entscheide, welche Anfragen an die Escorts weitergeleitet werden und welche nicht. Diese Machtposition einzunehmen ist auch eine der wichtigsten Aufgaben, für die ich von den Escorts bezahlt werde, damit ich sicherstelle, dass die Anfragen, die zu ihnen durchkommen, valide und respektvoll sind und zu ihren jeweiligen Kriterien und Services passen. Und dass sie sich mit respektlosen oder unpassenden Anfragen nicht selbst befassen müssen, beziehungsweise von diesen möglichst gar nichts
mitbekommen. Danach verschiebt sich auch im Buchungsprozess die Macht zum Escort, weil es entscheidet, welche Buchung es machen möchte, und dann eben auch die Person ist, die die gewünschte Erfahrung ermöglicht, oder eben nicht. Die anfragende Person ist, wenn man so will, in der "schwächsten" Position, denn sie ist auf die Entscheidungen angewiesen, die erst ich und dann das Escort treffen. Die Person, die mit einem Wunsch, einem Bedürfnis, einer Sehnsucht oder Fantasie von zutiefst intimer und damit ja auch verletzlicher Natur anfragt, ist darauf angewiesen,
dass wir respektvoll und professionell sind. Und ich eben nicht unsensibel oder verurteilend reagiere, wenn jemand unsicher oder unerfahren ist oder einen Wunsch "außerhalb der Norm" hat. Oder ich einfach ein ganz anderes Escort zum Date schicke, als besprochen war, oder ein Escort eine Buchung zusagt, auf die es eigentlich gar keine Lust hat.